Gastbeitrag: Rugby in Deutschland, eine persönliche Sicht der Dinge aus der Rugby Provinz

Sehr geehrter Deutscher Rugby-Verband, sehr geehrte Wild Rugby Academy, lieber Manuel, lieber Robert.

Mein Name ist Christian Teichmann und ich schreibe Ihnen und Euch, um meine persönliche Sicht der Dinge darzulegen – aus Sicht eines Abteilungsleiters einer Abteilung Rugby, mit einer Herrenmannschaft in der 4. Liga.

Ich werde nicht auf die Polemik der letzten Tage eingehen, weil diese schlichtweg für mich uninteressant sind. Es ist viel zu viel gegeneinander geredet worden als miteinander. Zumal WRA und DRV aus meiner Sicht zwei Seiten einer Medaille sind und wir alle sowieso Rugby-verrückt sind.

Ich schreibe, um aufzuzeigen mit welchen Problemen man zu kämpfen hat, wenn man nicht gerade in den Hochburgen des Rugbysports zu Hause ist. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es ein generelles Problem in Rugby-Deutschland.

Um den Spielbetrieb der Herrenmannschaft „meiner“ Abteilung zu sichern, muss ständig Nachwuchs, Ersatz und Verstärkung generiert werden. Von den noch nicht spielfähigen Frauen bzw. (noch) nicht vorhandenen Kinder- und Jugendmannschaften ganz zu schweigen. Doch wie kann ich neue Mitglieder/-innen gewinnen, wenn ich kein Produkt habe, was ich verkaufen kann. Um es flapsig zu sagen: „Kein Schwein kennt Rugby„.

Hier kann für „meinen Verein“ nur eine langfristige Strategie aus Werbung in eigener Sache, regulärer Spielbetrieb und entsprechende Berichterstattung in den Medien etwas bringen.

Auch konnte man in persönlichen Gesprächen mit Interessierten auf die vergangen Erfolge der 15er- und 7er- Nationalmannschaften und auf die Berichterstattung von Sport1 hinweisen. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv zu unserem sehenswerten Sport auch von Leuten, die es für sich ausschließen Rugby zu spielen.

Ich muss den Menschen Rugby als Marke verkaufen mit ganz besonderen Werten. Aber eine Marke verkauft sich nur nach Erfolg – Werte kommen später. Für Außenstehende sind unsere Werte erstmal nicht greifbar, ich muss diese anders gewinnen. Und das geht nur über Erfolg. Was zieht dann wohl mehr:

Die Teilnahme einer Nationalmannschaft an einer WM? Oder ein Gruppe-3-Spiel – dafür sind unsere Werte toll?

Werte werden erst im Training und Spiel erlebt, vorher sind diese wenig greifbar. Neumitglieder kommen wegen dem Erfolg der Marke und das was sie verkörpert. Dazu muss diese Marke aber erst Bekanntheit erlangen. Aber nicht nur für die Anwerbung von Neulingen gilt das sondern auch für potentielle Sponsoren. Wer gibt Geld für eine unbekannte und erfolglose Marke? Man möchte für sein Geld etwas zurückhaben. Und das ist in der Rugby Provinz sehr schwer.

Auf nationaler Ebene haben (hatten) wir einen Sponsor – Herrn Dr. Wild – aus der Privatwirtschaft und einen staatlichen Sponsor. Erster nennt das 15er-Rugby sein Steckenpferd, zweiter steht für das olympische 7er ein. Der Deutsche Rugby-Verband kann beide nicht verprellen um irgendwie allen gerecht zu werden. Derzeit eine Mammutaufgabe und dafür danke.

Es wurde auch viel geschrieben, was DRV und WRA für den Rugbysport in Deutschland getan haben:

  • Leider muss ich aus der Provinzperspektive (um nicht zu sagen Froschperspektive oder aus der Schlammzone) sagen, dass ich vom DRV nur zweimal im Jahr was höre – einmal um die Abgaben einzutreiben und das andere mal die Einladung zum DRT. Beides kostet und wird aus hart erwirtschafteten Mitgliedsbeiträgen bezahlt. Dafür bekomme ich noch nicht mal eine offene Kommunikation zwischen DRV und den (kleinen) Vereinen. Sei es drum. Ich unterstelle dem DRV, dass er trotz und gerade wegen der Ehrenamtlichkeit seine Arbeit, im Rahmen der Möglichkeiten, ordentlich vollbringt.
  • Dagegen hat die WRA auf Anfrage uns einen wunderbaren Trainingstag mit Jared Elz beschert. Und das kostenlos. Dieses Angebot steht allen Vereinen offen und ist eine großartige Unterstützung.

Vom Herzen her müsste ich also pro WRA sein. Bin ich aber nicht, ich bin pro Rugby.

Aus meiner (beschränkten) Sicht können WRA/GFR und DRV nur zusammen die Marke „Rugby Deutschland“ für den 15er-Bereich voranbringen.

Aufgrund der olympischen Förderungen im 7er-Bereich (Sportförderergruppen Bundeswehr und Bundespolizei etc.) mache ich mir keine Sorgen, dass dies der DRV alleine hinbekommt.

Der DRV muss dabei die Spinne im Netz sein, um den Anforderungen des DOSB, Rugby Europe und World Rugby gerecht zu werden. Der DRV hat im Moment noch nicht die Professionalität (Ehrenamtliche) und den wirtschaftlichen Rückhalt (keine Großsponsoren), um dies allein für den 15er-Bereich zu stemmen.  Hier kann WRA/GFR unterstützen zum Vorteil beider Parteien.

Warum dann auch nicht die beiden Vermarktungsfirmen von DRV und WRA miteinander verflechten, indem die jeweils andere Partei Gesellschafter der GmbH wird. Die Gewinnerzielungsabsicht von Herrn Dr. Wild steht dabei außer Frage. Aber ich bin mir sicher, dass dies auf lange Sicht ausgelegt ist und nicht unmittelbar erfolgen soll. Ich denke auch hier kann über einen Gesellschaftervertrag alles geregelt werden.

Ich denke mit den Kontakten des Herrn Dr. Wild können zukünftig mehr Sponsoren und Gönner gewonnen werden, wenn denn unsere Marke „Rugby Deutschland“ erfolgreicher wird.

Dazu sollten jetzt die derzeit vorhandenen Kräfte und Mittel, frei von persönlichen Befindlichkeiten, gebündelt werden, um das Ziel WM-Teilnahme zu sichern.

Mit dem Erfolg kommt der Rest, da bin ich mir sicher.

Was wünsche ich mir von Ihnen und von Euch für Rugby Deutschland?

Lieber DRV:

bitte arbeitet an der Kommunikation. Bitte erarbeitet verlässliche Spielpläne in den Bundesligen über die gesamte Saison, damit die unteren Ligen besser planen können. Denn ohne lange Vorankündigung der Spiele kommen keine Zuschauer. Und ohne Zuschauer wird unsere Marke nicht bekannter.

Und bitte bitte – kommt zu einer Einigung mit der WRA. Zusammen kommt der Erfolg.

Denn je bekannter und erfolgreicher sich Rugby Deutschland präsentiert, um so einfacher finden die Vereine Neumitglieder. Mit den Neumitgliedern kommen mehr Beiträge und damit mehr Verbandseinnahmen.

Liebe WRA:

bitte arbeitet an der Kommunikation.

Und bitte bitte – kommt zu einer Einigung mit dem DRV. Zusammen kommt der Erfolg.

Je besser Rugby Deutschland wird, um so wirtschaftlich erfolgreicher wird die Marke (und Hr. Dr. Wild bekommt etwas von seinem Investment zurück).

Je bekannter und erfolgreicher sich Rugby Deutschland präsentiert, um so einfacher finden die Vereine Neumitglieder. Mit mehr Neumitgliedern wächst der Pool an aussichtsreichen Talenten für alle Ligen und die Nationalmannschaften. Gut für den DRV – gut für Sponsoren.

Lieber Manuel, lieber Robert,

ihr beiden seid doch Rugger und verfolgt die gleichen Ziele. Über unsere Werte brauche ich euch nichts zu erzählen. Ihr seid für mich die „Gesichter“ der beiden Parteien. Deswegen mein Appell an euch:

Bitte sorgt dafür, dass die Gespräche/Verhandlungen weitergeführt werden. Bitte zieht am gleichen Strang in die gleiche Richtung. Alle Vereine reißen sich den Allerwertesten auf, um Rugby voranzubringen. Bitte würdigt diese tolle Arbeit, indem ihr beide WRA und DRV
wieder zusammenbringt und Rugby Deutschland zum Erfolg führt.

Mit Erfolgen kann man auf Vereinsebene Rugby besser verkaufen und Neumitglieder gewinnen und dann denen unsere Werte vermitteln. Mehr Spielerinnen und Spieler in allen Ligen und Bereichen steigert den Gewinn (sportlich und wirtschaftlich) für alle.

 

Noch eins zum Schluss…

Ich bedanke mich ausdrücklich bei DRV und WRA für eure Arbeit. Bitte macht weiter so – zusammen.

 

Mit ovalen Grüßen

Christian Teichmann

Ein Gedanke zu „Gastbeitrag: Rugby in Deutschland, eine persönliche Sicht der Dinge aus der Rugby Provinz

  • 29. November 2017 um 0:11
    Permalink

    Lieber Herr Teichmann,

    Ihr Bericht aus der Rugby-Provinz ist authentisch und trifft sicherlich auf die Mehrheit der deutschen Rugby-Vereine zu. Das deutsche Rugby sollte bekannter werden. Darin sind wir uns einig. Die Förderung der beiden deutschen Herren-Nationalmannschaften durch die WILD Rugby Academy hatte unter anderem zum Ziel, den Rugbysport über diese beiden Flagschiffe in Deutschland populärer zu machen. Daß dies durch zusätzliche Aktivitäten des DRV im Breitensport und in der Nachwuchsarbeit flankiert werden sollte, ist unbestritten. Allerdings sind Ihre Annahmen über die Rolle der WILD Rugby Academy und von Dr. Hans-Peter Wild nicht ganz zutreffend.

    Bei der WILD Rugby Academy handelt es sich um eine staatlich beaufsichtigte, als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannte Stiftung, welche den ausschließlichen Zweck verfolgt, den Rugbysport zu fördern (vgl. http://my.page2flip.de/4646254/10464767/10998178/html5.html#/1). Dr. Hans-Peter Wild unterstützt die Arbeit der Stiftung durch die großzügige Zuwendung finanzieller Mittel. Eine Gewinnerzielungsabsicht verfolgt er damit nicht. Bei der Gesellschaft zur Förderung des Rugbysports mbH handelt es sich um eine Tochtergesellschaft der WILD Rugby Academy. Durch diese Gestaltung ist sichergestellt, daß etwaige Gewinne der Gesellschaft an die WILD Rugby Academy ausgeschüttet werden und auf diesem Weg wieder dem deutschen Rugbysport zugute kommen.

    Mit sportlichen Grüßen

    Jürgen Schnabel

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